"Falsche" Mondneigung - Wohin zeigt die Mondsichel?
A) Einleitung
Wenn Sonne und Mond gleichzeitig am Himmel zu sehen sind, scheint die Mondsichel nicht zur Sonne zu zeigen. Sie weicht mitunter erheblich von der erwarteten Richtung ab. Ebenso unerwartet zeigt die Sichel nachts trotz untergegangener Sonne manchmal noch oben statt nach unten. Das nachstehende Bild gibt den Eindruck wieder.
Bei dieser erstaunlichen Erscheinung handelt es sich weder, wie andere Autoren vermuten, um eine im Gehirn zustande kommende optische Täuschung, noch um am Firmament auftauchende "gekrümmte Linien", sondern um die alltägliche, beim Mond allerdings überraschende Wirkung der Perspektive.
Die sichtbare Neigung der Mondsichel, wie sie sich bei direkt auf den Mond gerichtetem Blick zeigt, kann gemessen, geometrisch konstruiert und berechnet werden, Letzteres mit der Formel:
wobei alpha die Höhe der Sonne, gamma die des Mondes und beta die Differenz ihrer Kompasspeilung ist. Die erwartete Mondneigung kann auf ähnliche Weise gemessen und errechnet werden. Die Abweichung der sichtbaren von der erwarteten Mondneigung erweckt die Vorstellung von der "Falschen" Mondneigung.
Mond und Sonne sind allerdings nicht wirklich so zu sehen, wie das oben im Bild dargestellt ist. Man hat für genaueres Sehen nur einen relativ engen Blickwinkel und kann nicht gleichzeitig Sonne und Mond mit einem Blick genau erfassen. Sondern man sieht etwa zur Sonne und stellt fest, dass sie schon niedrig steht. Dann wendet man den Blick zum höher stehenden Mond, um festzustellen, dass seine Sichel trotzdem nach oben zeigt. Man hat also, wie hier rechts zu sehen, zwei getrennte Bilder, setzt sie gedanklich zu einem Bild zusammen und zieht den Schluss, dass der Mond in die falsche Richtung blickt.
Auf den folgenden Seiten stelle ich die geometrischen Gegebenheiten dar, erläutere Skizzen und Berechnungen, gebe Darstellungen zur Perspektive und stelle eine Grafik mit Verlaufskurven für die Mondneigung, Fotos eines Modells sowie ein kurzes Video vor. Danach zeige ich, dass von der besagten "gekrümmten" Linie nicht die Rede sein kann, und behandle die Frage, inwieweit die „Falsche Mondneigung“ eine optische Täuschung ist und ob es eine Übereinstimmung zwischen der Neigung der Mondsichel und der Neigung der Mondbahn gibt. Schließlich äußere ich mich zu anderen einschlägigen Darstellungen.
Zur Auflösung des Rätsels genügt es, bei gleichzeitig mit der Sonne sichtbarem Mond einen längeren Stab so in die Luft zu halten, dass an einem Ende die Sonne und am andern der Mond liegt. Dann wendet man den Blick bei unverändert gehaltenem Stab ganz zum Mond und erkennt den Irrtum sofort ("Besenstielexperiment"). Die Lösung erscheint, sobald man sie begreift, banal und lässt fraglich erscheinen, ob ihre Bedeutung die hier gegebenen Berechnungen und ausführlichen Erörterungen überhaupt rechtfertigt. Das könnte man in der Tat verneinen, wenn nicht
- erstens Internet-Diskussionen weitgehende Ratlosigkeit gegenüber dem Phänomen gezeigt hätten, wenn
- zweitens die auf Seite H erwähnten Darstellungen nicht veröffentlicht worden wären, die z. T. wissenschaftlichen
Anspruch erheben, aber dennoch unrichtig sind und nach einer Korrektur verlangt haben, und wenn es sich
- drittens nicht doch um ein eindrucksvolles Beispiel dafür handeln würde, wie sehr der Mensch zu seiner
Orientierung auf den - beim Mond unzureichenden bzw. irreführenden - Kontext seiner Wahrnehmungen
angewiesen ist.
Karlheinz Schott
Erste Fassung November 2007
Letzte Fassung: 24.03.2010
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